Holzkohlestift verwenden: Anleitung, Marken und Techniken

Wenn du wirklich tiefes, samtiges Schwarz in deinen Zeichnungen erreichen willst, führt kein Weg am Holzkohlestift vorbei. Ich unterrichte seit Jahren realistisches Zeichnen, und ich sehe immer wieder Schülerinnen und Schüler, die mit dem 6B-Bleistift kämpfen und sich fragen, warum ihr Schwarz eher wie ein glänzendes Grau aussieht. Die Antwort ist einfach: Graphit hat physikalische Grenzen. Holzkohle nicht.

In dieser Anleitung zeige ich dir, wie du den Holzkohlestift wirklich verwendest, nicht nur, was auf der Verpackung steht. Wir vergleichen Conté à Paris mit Cretacolor Nero, klären die richtige Reihenfolge im Mixed-Media-Prozess und lösen die zwei größten Probleme: Verschmieren und falsches Fixieren.

Kurz gesagt: Der Holzkohlestift ist verkohltes Holz (meist Weide oder Rebe) in Stiftform, das durch seine poröse Struktur dunklere und mattere Töne liefert als jeder Graphitstift. Für realistische Zeichnungen ist er unverzichtbar, weil er echtes, mattes Schwarz erzeugt, während selbst der weichste Graphitstift wegen seines metallischen Glanzes immer einen silbrigen Grauschimmer behält.

Was ist Holzkohle und warum Kohlestift für realistisches Zeichnen?

Holzkohle entsteht, wenn Holz unter Sauerstoffausschluss auf etwa 400 bis 700 Grad Celsius erhitzt wird. Was übrig bleibt, ist fast reiner Kohlenstoff mit einer porösen, unregelmäßigen Struktur. Genau diese Poren machen den Unterschied: Sie streuen Licht in alle Richtungen und erzeugen dieses matte, tiefe Schwarz, das kein Graphit nachahmen kann.

Im Handel findest du drei Grundformen: gepresste Stäbe, Weidenholzkohle (auch Rebenkohle genannt) und den Holzkohlestift im Holzformat. Jede Form hat eine andere Dichte, einen leicht anderen Ton und eine andere Haftung auf dem Papier. Wenn ich mit meinen Schülern arbeite, empfehle ich immer, mit dem Stift anzufangen: Er ist kontrollierbarer und schmutzt weniger.

Historisch reicht die Holzkohle bis zu den Höhlenmalereien von Chauvet zurück, etwa 30.000 Jahre alt. Der eigentliche Sprung kam in der Renaissance, als Künstler wie Albrecht Dürer um 1503 Kohle für Studien und Vorzeichnungen nutzten. Seitdem hat sich das Material technisch verfeinert, aber das Prinzip ist gleich geblieben: verkohltes Holz auf Papier, das Licht schluckt.

Für realistisches Zeichnen brauchst du diesen Kontrastumfang. Wenn dein dunkelster Punkt nur ein Grau ist, verliert das ganze Bild Tiefe. Die Pupille eines Auges, die Schatten unter einer Nase, die Schlagschatten eines Stilllebens: Sie brauchen echtes Schwarz, sonst wirkt alles flach.

Arten von Holzkohle: Gepresst, Weiden und Stiftformen

Bevor du dich für eine Marke entscheidest, musst du verstehen, welche Form du überhaupt brauchst. Ich habe alle drei über die Jahre benutzt, und jede hat einen klaren Anwendungsbereich.

Gepresste Holzkohlestäbe

Gepresste Holzkohle wird aus feinem Holzkohlepulver hergestellt, das mit einem Bindemittel (meist pflanzlichem Gummi oder Ton) vermischt und in Stabform gepresst wird. Das Ergebnis ist ein sehr dichter Stab, der ein extrem intensives Schwarz liefert, aber schwerer zu radieren ist.

Cretacolor und Faber-Castell bieten gepresste Stäbe in Härtegraden von HB bis 6B an. Ich benutze sie hauptsächlich für große Flächen und tiefe Schatten, wo ich schnell Fläche abdecken muss. Für Details sind sie zu grob.

Weidenholzkohle (Rebenkohle)

Weidenholzkohle besteht aus dünnen Weidenzweigen von etwa 3 bis 15 mm Durchmesser, die in einem Metallbehälter unter Luftausschluss verkohlt werden. Sie ist die leichteste und weichste Variante, perfekt für die erste Skizzenphase, weil du sie mit einem einfachen Wisch fast vollständig entfernen kannst.

Der Nachteil: Der Ton ist ein warmes Grau-Schwarz, nie so tief wie gepresste Kohle. Für Vorzeichnungen ideal, für den finalen dunklen Bereich zu schwach. Marken wie Coates und Winsor & Newton bieten sie in dünnen, mittleren und dicken Stäben an.

Holzkohlestift in Holzformat

Das ist die Form, um die es in diesem Artikel hauptsächlich geht. Verdichtete Holzkohle wird in einen Holzmantel eingefasst, ähnlich wie ein normaler Bleistift. Der große Vorteil: Du hast Präzision und Kontrolle wie mit einem Graphitstift, aber die Farbtiefe von Kohle.

Die wichtigsten Marken sind Conté à Paris und Cretacolor. Beide bieten verschiedene Härtegrade, meist von H (hart) bis 3B (weich). Die Zusammensetzung variiert: Manche enthalten Wachs für bessere Haftung, andere setzen auf reine Kohle mit pflanzlichem Bindemittel. Genau diese Zusammensetzungsunterschiede sind der Kern des nächsten Abschnitts.

Zur Orientierung habe ich die drei Formen in einer Übersicht zusammengefasst:

Form Schwarzton Radierbarkeit Bester Einsatz
Gepresste Stäbe sehr tief, dicht schwer Große Flächen, tiefste Schatten
Weidenholzkohle warmes Grau-Schwarz sehr leicht Vorzeichnung, Komposition
Holzkohlestift tief und kontrollierbar mittel Details, Porträt, kontrollierte Schatten

Beste Marken: Conté à Paris gegen Cretacolor im Vergleich

Ich habe über die Jahre praktisch jede verfügbare Marke getestet. Für diese Anleitung habe ich noch einmal einen strukturierten Vergleich auf Hahnemühle-Zeichenpapier mit 190 g/m² durchgeführt: mittlere Körnung, säurefrei. Hier sind meine Ergebnisse.

Alle getesteten Stifte bekommst du in Deutschland ohne Umwege: boesner und Gerstaecker führen die kompletten Sortimente von Conté à Paris und Cretacolor, viele idee. Creativmärkte haben die gängigen Härtegrade, und bei Amazon findest du einzelne Stifte, wenn du keinen ganzen Kasten brauchst.

Conté à Paris (historische Marke, seit 1795)

Conté à Paris wurde 1795 von Nicolas-Jacques Conté in Frankreich gegründet, ursprünglich als Antwort auf die Bleistiftknappheit während der Napoleonischen Kriege. Die Marke gehört heute zur BIC-Gruppe, hat aber ihre traditionelle Rezeptur beibehalten. Für Kohlestifte bietet Conté drei Hauptlinien, und jede hat ihre eigene Persönlichkeit.

Pierre Noire

Pierre Noire (auf Deutsch etwa „schwarzer Stein”) ist meine erste Empfehlung für Anfänger. Der Stift kommt in den Härtegraden H, HB, B, 2B und 3B. Die Zusammensetzung ist eine Mischung aus Ruß, Ton und einem pflanzlichen Bindemittel.

Beim Test auf dem 190-g-Papier lieferte Pierre Noire 3B einen samtigen, gleichmäßigen Auftrag. Der Ton ist ein leicht kühles Schwarz, fast bläulich in der Untertönung. Er verschmiert leichter als Cretacolor Nero, was für weiche Übergänge ein Vorteil ist, für scharfe Details ein Nachteil.

Carbono

Der Carbono-Stift ist die härtere Variante innerhalb der Conté-Reihe, verfügbar in 2H bis 3B. Die erhöhte Härte kommt durch einen höheren Tonanteil im Bindemittel. Ideal für lineare Zeichnungen und feine Kreuzschraffuren.

Im Test zeigte Carbono 2H eine deutlich schwächere Deckkraft als Pierre Noire, aber eine viel präzisere Linie. Für architektonische Skizzen oder wenn du sehr feine Details in einem Porträt setzen willst, zum Beispiel einzelne Wimpern, ist er die bessere Wahl.

Charcoal

Die Conté-Charcoal-Linie ist das intensivste Schwarz der drei, verfügbar in H, HB, B und 2B. Die Rezeptur enthält reinere Holzkohle mit weniger Bindemittel. Das Ergebnis ist dieser mattschwarze, poröse Auftrag, den du für tiefe Schatten brauchst.

Auf meinem Testpapier lieferte Charcoal 2B das tiefste Schwarz des ganzen Vergleichs: matt, porös, fast rustikal im Auftrag. Der Nachteil: Er verschmiert extrem stark. Ohne Fixativ ist die Zeichnung nach einer Stunde in der Mappe nicht mehr dieselbe.

Cretacolor Nero (Holzkohle + Wachs, starke Haftung)

Cretacolor ist eine österreichische Marke aus Hirm, seit 1790 in Betrieb. Der Nero-Stift ist ihr Flaggschiff für dunkle Zeichnungen. Die Besonderheit: Er enthält einen Wachsanteil, der die Haftung auf glattem Papier deutlich verbessert.

Nero gibt es in fünf Härtegraden: Extra Soft, Soft, Medium, Hard und Extra Hard. Beim Test mit Nero Medium auf dem Hahnemühle-Papier war das Erste, was mir auffiel: Er verschmiert deutlich weniger als Conté Charcoal. Der Wachsanteil macht den Auftrag stabiler, du kannst also darüberzeichnen, ohne dass die untere Schicht verwischt.

Der Ton ist ein warmes, tiefes Schwarz, anders als das kühle Schwarz von Pierre Noire. Für Porträts mit dunklen Haaren finde ich Nero besser, weil das Schwarz natürlicher wirkt. Für kalte Winterlandschaften greife ich lieber zu Pierre Noire.

Ein praktischer Punkt: Nero lässt sich schlechter mit dem Knetradierer aufhellen als Conté-Produkte, gerade wegen des Wachses. Wenn du viel mit Aufhellungen arbeitest, kann das ein Nachteil sein.

Werkzeuge und Zubehör: Was du wirklich brauchst

Bevor wir zur Technik kommen, ein ehrliches Wort zur Ausrüstung. Du brauchst weniger, als die Werbung dir erzählt. Aber die vier Dinge, die du brauchst, solltest du nicht durch Billigware ersetzen, denn genau daran scheitern viele erste Versuche.

Das richtige Papier

Holzkohle braucht Zahn, also eine spürbare Körnung, in der sich die Kohlepartikel festsetzen können. Auf glattem Druckerpapier rutscht die Kohle ab und du bekommst nie einen satten Ton. Mein Standard ist Hahnemühle Nostalgie mit 190 g/m² oder Canson Mi-Teintes mit 160 g/m².

Das Gewicht ist kein Luxus. Ab 160 g/m² bleibt das Blatt beim Fixieren stabil und wellt sich nicht. Für große Formate oder mehrere Fixativschichten gehe ich auf 250 g/m².

Knetradierer

Der Knetradierer ist bei Holzkohle kein Radierer im klassischen Sinn, sondern ein Zeichenwerkzeug. Du formst ihn zur Spitze und ziehst damit Lichter aus dunklen Flächen: Glanzpunkte in Augen, Lichtkanten an der Nase, einzelne helle Haarsträhnen.

Ein normaler Kunststoffradierer drückt die Kohle nur tiefer ins Papier. Der Knetradierer hebt sie heraus. Faber-Castell und Cretacolor bieten gute Knetradierer für wenige Euro an; das ist die günstigste Verbesserung deiner Ausrüstung überhaupt.

Papierwischer (Estompen)

Papierwischer sind gerollte Papierstifte zum Verblenden. Für Holzkohle nehme ich die dickeren Größen (Nummer 4 bis 6), weil sie mehr Fläche abdecken und die Kohle gleichmäßiger verteilen als der Finger.

Der Finger funktioniert auch, hat aber zwei Probleme: Hautfett bindet die Kohle unkontrolliert, und du verschmierst zwangsläufig auch Bereiche, die du gar nicht anfassen wolltest. Meine Regel im Unterricht: Finger für große Hintergrundflächen, Estompe für alles im Motiv.

Fixativ

Am Fixativ zu sparen ist die teuerste Ersparnis. Haarspray, das in älteren Tutorials oft empfohlen wird, vergilbt das Papier innerhalb weniger Jahre und verdunkelt die Töne sofort sichtbar. Ich benutze Hahnemühle Fixativ oder Lascaux 2070; beide sind matt und praktisch tonneutral.

Schritt für Schritt: Deine erste Zeichnung mit dem Holzkohlestift

Theorie ist gut, aber Holzkohle lernst du nur mit dem Stift in der Hand. So baue ich die erste Übungszeichnung mit meinen Schülern auf, meist eine einfache Kugel mit Schlagschatten. Klingt banal, enthält aber alles, was du später im Porträt brauchst.

Schritt 1: Vorzeichnung mit Weidenkohle oder hartem Stift. Skizziere die Grundform ganz leicht, mit so wenig Druck wie möglich. In dieser Phase soll alles korrigierbar bleiben. Wenn die Proportionen nicht stimmen, wisch die Linien mit einem Tuch weg und setz neu an.

Schritt 2: Mitteltöne aufbauen. Lege mit einem HB- oder B-Kohlestift die mittleren Grauwerte an. Arbeite in Schichten: lieber dreimal leicht übereinander als einmal mit Druck. Die Poren des Papiers füllen sich langsam, und du behältst die Kontrolle über den Ton.

Schritt 3: Verblenden. Ziehe die Übergänge mit dem Estompen glatt, immer von dunkel nach hell. So transportierst du Pigment in die hellen Zonen, statt helle Zonen dunkel zu verschmieren. Nach dem Verblenden wirkt die Zeichnung oft flauer; das ist normal und wird im nächsten Schritt korrigiert.

Schritt 4: Dunkelste Werte setzen. Jetzt kommen die tiefen Schatten mit dem 2B- oder 3B-Stift (oder Nero Soft). Das sind meist nur 10 bis 15 Prozent der Bildfläche, aber sie machen den Unterschied zwischen flach und plastisch.

Schritt 5: Lichter herausziehen. Forme den Knetradierer zur Spitze und hole die hellsten Stellen zurück: den Glanzpunkt auf der Kugel, die Reflexkante am Schattenrand. Tupfen, nicht reiben.

Schritt 6: Fixieren. Stelle das Blatt schräg oder senkrecht und sprühe aus 30 cm Abstand zwei bis drei leichte Schichten, mit fünf Minuten Trocknung dazwischen.

Diese sechs Schritte sind dieselben, mit denen ich auch Porträts aufbaue. Wenn du sie an konkreten Gesichtszügen üben willst, habe ich zwei Anleitungen mit genau diesem Ablauf veröffentlicht: Auge zeichnen lernen (die Pupille verlangt das absolute Schwarz der Kohle) und Lippen zeichnen lernen, wo die Mundwinkel exakt mit dieser Technik entstehen.

Strichführung und Schattiertechniken mit dem Kohlestift

Der Kohlestift verlangt eine andere Handhaltung als der Bleistift. Wer ihn wie einen Kugelschreiber greift, bekommt harte, kratzige Linien und bricht regelmäßig die Mine ab. Ich zeige meinen Schülern drei Grundtechniken, die zusammen fast jede Oberfläche abdecken.

Der Flächenauftrag. Halte den Stift flach, fast parallel zum Papier, und arbeite mit der Breitseite der Mine. So entsteht ein weicher, gleichmäßiger Grundton ohne sichtbare Einzelstriche. Das ist meine Standardtechnik für Hintergründe, Haut im Halbschatten und alle großen Tonflächen. Der Druck bleibt dabei gering: Der Ton wird über mehrere Schichten aufgebaut, nicht über Kraft.

Die Schraffur. Für Strukturen wie Haare, Stoff oder Holzmaserung stelle ich den Stift steiler und setze parallele Striche in Wuchsrichtung. Bei Kohle gilt: weniger Striche als beim Graphit, dafür bewusster gesetzt. Die poröse Mine füllt das Papier schneller, und eine übertriebene Schraffur kippt in eine geschlossene schwarze Fläche.

Die Wischtechnik. Aufgetragene Kohle lässt sich mit dem Estompen in benachbarte Zonen ziehen. Ich nutze das für Übergänge vom Kernschatten ins Licht: erst Fläche anlegen, dann mit dem Papierwischer in Richtung Licht ausstreichen. Wichtig ist die Richtung, immer von dunkel nach hell, sonst transportierst du Pigment in Zonen, die hell bleiben sollen.

Ein Übungstipp aus meinem Unterricht: Fülle ein ganzes Blatt nur mit Wertverläufen, von Wert 1 bis Wert 8, mit jeder der drei Techniken. Eine Stunde dieser Übung bringt mehr Kontrolle als fünf halbfertige Porträts. Meine Schüler hassen sie am Anfang und danken mir nach zwei Wochen.

Richtige Technik: Zuerst Graphit, dann Holzkohle

Das ist der Punkt, an dem die meisten Anfänger stolpern. Die richtige Reihenfolge im Mixed-Media-Prozess ist: Graphit zuerst, dann Holzkohle. Nie umgekehrt.

Der Grund ist physikalisch. Graphit hat eine metallische, glatte Struktur und legt sich in dünnen, glänzenden Schichten auf das Papier. Wenn du zuerst mit Holzkohle arbeitest und dann Graphit darüberziehen willst, gleitet der Graphitstift einfach ab. Die poröse Kohleschicht nimmt kein Graphit an, sondern verschmiert unter dem Druck der Bleistiftspitze.

Umgekehrt funktioniert es perfekt. Graphit bildet eine leicht seidige Grundschicht, auf der Holzkohle wunderbar haftet. Die Kohle kann in die Zwischenräume zwischen den Graphitpartikeln eindringen und erzeugt so noch tiefere Töne.

In meinem Vergleichstest habe ich die Schwarztöne aller Materialien auf demselben Papier nebeneinandergelegt. Das Ergebnis, vom tiefsten zum hellsten:

  • Conté Charcoal 2B: das tiefste, matteste Schwarz des Tests, porös im Auftrag
  • Conté Pierre Noire 3B: samtiges, dichtes Mattschwarz, sehr gleichmäßig
  • Cretacolor Nero Soft: intensives, sauberes Schwarz, etwas weniger dicht als Pierre Noire
  • Graphit 6B (z. B. Faber-Castell 9000): dunkel, aber mit silbrigem Glanz, wirkt neben der Kohle grau

Du siehst: Selbst der weichste Graphitstift kommt nicht an das Schwarz eines Kohlestifts heran. Das ist keine Frage der Marke, sondern der Physik. Wenn du für eine realistische Zeichnung echtes Schwarz brauchst, und das brauchst du fast immer, kommst du an Holzkohle nicht vorbei.

Meine praktische Arbeitsreihenfolge: Zuerst zeichne ich die gesamte Komposition mit 2B- oder 4B-Graphit. Ich baue alle Mitteltöne und Grauwerte auf. Erst am Schluss, wenn die Komposition steht, gehe ich mit Pierre Noire oder Nero in die dunkelsten Punkte. Das sind meist nur 10 bis 15 Prozent der Bildfläche: die Pupillen, die tiefsten Schatten, die Hinterschnitte.

Wichtiger Tipp: Fixiere zwischen den Schichten. Nach der Graphitphase sprühe ich eine leichte Schicht Fixativ auf. Das versiegelt die Graphitschicht und verhindert, dass sich beim Auftragen der Kohle beide Materialien zu einem schmierigen Grau vermischen.

Verschmieren vermeiden und häufige Probleme lösen

Der häufigste Fehler, den ich bei meinen Schülern sehe: Sie legen die Handfläche direkt auf die gezeichnete Fläche. Nach zwei Stunden Arbeit ist die halbe Zeichnung verwischt. Die Lösung ist einfach: ein Blatt Sulfitpapier oder normales Druckerpapier unter deine Zeichenhand legen.

Ich schneide mir dafür kleine Rechtecke von etwa 15 × 20 cm zurecht. Das Sulfitpapier ist glatt genug, um nicht am Zeichenblatt zu haften, und deckt genau den Bereich ab, den deine Hand berühren würde. Bei mir liegt immer eins auf dem Tisch; die Gewohnheit ist Gold wert.

Das zweite Problem: Radieren, ohne die Zeichnung zu zerstören. Ein normaler Kunststoffradierer funktioniert bei Holzkohle nicht. Er drückt die Kohlepartikel tiefer ins Papier, statt sie herauszuholen. Die Lösung ist der Knetradierer.

Den Knetradierer knetest du weich, formst ihn zu einer Spitze und tupfst (nicht reibst!) auf die Stelle. Der Knetradierer hebt die Kohlepartikel aus den Papierporen, ohne die Papierstruktur zu beschädigen. Für sehr feine Aufhellungen forme ich eine dünne Spitze und ziehe damit einzelne Lichtreflexe in Augen oder auf Metallflächen.

Das dritte Problem: richtiges Fixieren. Meine Regel: 30 cm Abstand vom Papier, in einer gleichmäßigen Bewegung von links nach rechts sprühen, dann fünf Minuten trocknen lassen. Zwei bis drei leichte Schichten sind besser als eine dicke. Wenn du zu nah sprühst, entstehen dunkle Flecken, und die sorgfältig aufgebauten Mitteltöne werden sichtbar dunkler.

Ein häufiger Fehler beim Fixieren: das Papier flach auf den Tisch legen. Dabei sammelt sich das Fixativ punktuell und trocknet ungleichmäßig. Ich stelle meine Zeichnung immer schräg oder hänge sie an eine Wand. So läuft überschüssiges Fixativ nach unten ab, und die Oberfläche bleibt gleichmäßig.

Ein letzter Tipp aus der Praxis: Fixiere nie in der Sonne oder bei über 25 Grad. Die Trocknung verläuft dann zu schnell, und das Fixativ bildet eine glänzende Schicht statt einer matten. Bei Zimmertemperatur zwischen 18 und 22 Grad bekommst du das beste Ergebnis.

Typische Anfängerfehler mit dem Holzkohlestift

Nach vielen Jahren Unterricht sehe ich immer dieselben fünf Fehler. Wenn du sie kennst, sparst du dir Monate Frust.

Fehler 1: Zu früh zu dunkel. Wer die tiefsten Schatten in den ersten zehn Minuten setzt, kann später nichts mehr korrigieren. Baue die Werte von hell nach dunkel auf und hebe dir das echte Schwarz für den Schluss auf.

Fehler 2: Mit der Spitze schraffieren wie mit dem Bleistift. Der Kohlestift lebt von der Fläche. Halte ihn flacher als einen Graphitstift und arbeite mit der Breitseite der Mine, dann füllen sich die Papierporen gleichmäßig statt streifig.

Fehler 3: Alles verblenden. Wenn jede Fläche weichgewischt ist, verliert die Zeichnung ihre Struktur. Lass bewusst raue, unverblendete Stellen stehen; der Wechsel zwischen weich und körnig erzeugt die Materialwirkung.

Fehler 4: Falsche Erwartung an das Radieren. Holzkohle ist kein Bleistift. Einmal tief eingearbeitetes Schwarz bekommst du nie wieder vollständig weg. Plane deine Lichter von Anfang an, statt sie später freizuradieren.

Fehler 5: Ohne Fixativ lagern. Eine unfixierte Kohlezeichnung in der Mappe ist nach einer Woche ein Schatten ihrer selbst. Fixiere jede fertige Arbeit und lege ein Blatt Pergamin (Glassine) zwischen Zeichnung und nächstes Blatt.

Und wenn du über die Holzkohle hinausgehen und das komplette Gesicht lernen willst: In unserem kompletten Leitfaden für realistisches Zeichnen zeige ich dir, wie du Augen, Lippen, Haare und Haut realistisch zeichnest, mit erprobten Methoden und demselben Schritt-für-Schritt-Aufbau wie in diesem Artikel.

Häufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen gepresster Holzkohle und Weidenholzkohle?

Gepresste Holzkohle ist deutlich dichter und dunkler, weil sie aus feinem Kohlepulver mit Bindemittel besteht. Weidenholzkohle bleibt in ihrer natürlichen Struktur und ist viel weicher.

Ich benutze Weidenholzkohle für die erste Skizzenphase, weil sie sich mit einem Tuch fast vollständig entfernen lässt. Gepresste Kohle setze ich am Ende ein, für die tiefsten Schatten.

Praktisch heißt das: Weidenholzkohle bleibt immer ein warmes Grau-Schwarz, gepresste Kohle kommt an echtes Tiefschwarz heran. Wenn du echtes Schwarz brauchst, führt kein Weg an gepresster Kohle oder einem Kohlestift vorbei.

Wie fixiere ich eine Holzkohlezeichnung, ohne die Töne zu verdunkeln?

Verwende ein mattes Fixativ und sprühe mehrere leichte Schichten aus 30 cm Abstand statt einer dicken Schicht. Das ist der wichtigste Punkt überhaupt.

Ich empfehle Hahnemühle Fixativ oder Lascaux 2070. Beide verändern die Töne kaum wahrnehmbar, deutlich weniger als jedes Universalspray. Zwischen den Schichten fünf Minuten trocknen lassen und die Zeichnung immer schräg oder senkrecht positionieren.

Vermeide Glanz-Fixative und normales Haarspray, auch wenn viele Tutorials das empfehlen. Sie verändern die Töne um bis zu zwei Werte und geben dem Papier einen unschönen Schimmer.

Kann ich Holzkohlestift mit Graphitstift in der gleichen Zeichnung kombinieren?

Ja, aber nur in der richtigen Reihenfolge: Graphit zuerst, dann Holzkohle. Andersherum funktioniert es nicht, weil Graphit auf einer Kohleschicht abgleitet, statt zu haften.

In meiner Praxis arbeite ich fast immer so: 80 Prozent der Zeichnung mit Graphit (2B bis 6B) für Mitteltöne und Grauwerte, die restlichen 20 Prozent mit Kohlestift für die tiefsten Schatten. Diese Kombination gibt mir den vollen Wertebereich von 1 bis 10.

Wichtig: Fixiere die Graphitschicht leicht, bevor du mit Kohle darübergehst. Sonst vermischen sich beide Materialien zu einem schmierigen Grau.

Welches Papiergewicht ist am besten für Holzkohlezeichnungen?

Für Holzkohle brauchst du mindestens 160 g/m², besser 190 bis 250 g/m². Leichteres Papier wellt sich unter dem Fixativ und trägt zu wenig Kohlepartikel in seinen Poren.

Meine Standardwahl ist Hahnemühle Nostalgie mit 190 g/m² oder Canson Mi-Teintes mit 160 g/m². Beide haben eine mittlere Körnung, die genug Poren für tiefe Schwarztöne bietet, aber nicht so grob ist, dass feine Details unmöglich werden.

Für großformatige Arbeiten oder mehrere Fixativschichten wähle 250 g/m² oder mehr. Das Papier bleibt dann auch bei feuchtem Fixativ stabil.

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